Licht in der Bildenden Kunst – Ein Streifzug durch die gemeinsame Geschichte von Licht, Bildgebung und Wahrnehmung

von Bettina Pelz

In den letzten zehn Jahren fungiert der Begriff „Lichtkunst“ wie ein ergänzendes Label für künstlerische Positionen, die Tages- und technisches Licht integrieren, die mit Lumineszenz als bildnerischem oder plastischem Material arbeiten oder die, die auf Licht als Bildträger nutzen. Der Begriff legt die Verwandtschaft zur Video- oder Medienkunst nahe, wie sie im 20. Jahrhundert entwickelt haben. Er bezieht sich auf Kunstformen, die eng mit der Entwicklung technischer Möglichkeiten verwoben sind und nach deren impliziten ästhetischen Potentialen fragen. Die Reduzierung auf die technischen Aspekte vernachlässigt die essentielle naturgeschichtliche Rolle des Lichts, die sich in der Kulturgeschichte fortschreibt. In unseren Metaphern und Denkbildern gibt es eine Vielfalt von Begriffen, um Licht zu beschreiben und die zugleich zur Anwendung kommen, um Wahrnehmung und Erkenntnis, um Lebendigkeit und Vitalität, das Erhellende und Erhabene oder um Gut und Böse zur Sprache zu bringen. Die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit Licht als Medium der Wahrnehmung, des Denkens und der Darstellung reflektiert auch wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen, aber sie entzündet sich an einem kulturgeschichtlichen Wandel, der das Verhältnis zum Bild verändert.

Spätestens seit der Ausstellung „Lichtkunst aus Kunstlicht“ 2005/2006 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe setzte sich der Begriff „Lichtkunst“ auch in den Kontexten der bildenden Kunst durch. Zehn Jahre nach dem Ausstellungsprojekt „Lichtkunst aus Kunstlicht“ hat sich die ästhetische Artikulation, die sich auf Licht als Material, Medium oder Metapher bezieht, in einer Vielzahl von Ausstellungen und Auszeichnungen weiter ausdifferenziert. Die Vielfalt der Lichtkunst-Positionen des 21. Jahrhundert bedarf der wissenschaftlicher Untersuchung und kuratorischer Kategorisierung, um die künstlerische Auseinandersetzung mit Licht als Medium der visuellen Wahrnehmung und Licht als Medium der ephemeren Darstellung als ästhetisches Phänomen in ihrer kulturellen Dimension zu verstehen.

Licht in der Bildenden Kunst

Lichtkunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie Interferenzen verbildlichen. Sie lassen sich als ein dynamisches System wechselseitiger Verweise lesen, das sich entlang der physikalischen Eigenschaften des Lichts und den Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung erschließen lassen. Künstler_innen verwenden Licht für Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installation, Intervention und Performance. Sie kartografieren das Zusammenspiel von Licht und Dunkel, Raum und Zeit, Form und Farbe, Material und Medien, Optik und Wahrnehmung neu. Die Vielfalt der Lichtkunst-Positionen mäandert zwischen den unterschiedlichsten thematischen und medialen Feldern und lässt sich als eher als kulturgeschichtliches Phänomen, denn als Kunstform beschreiben.

Von den ersten Bildwerken

Von den ersten Bildern der Menschheit aus dem Jungpaläolithikum zum 3D-Mappings des 21. Jahrhunderts spielt Licht eine zentrale Rolle. Die Beobachtung von Licht- und Schattenprojektionen führte zu den ersten Darstellungen, wie sie in den Höhlen von Chauvet und Lascaux gefunden wurden. Sie entstanden dort, wo kein Tageslicht hinfiel. Im Schein von Feuer war ihr Material der Ruß des fossilen Brennmaterials. Von den lichtvermittelten Bildern der frühzeitlichen Höhlenzeichnungen bis zu den Lichtbildern der Computerbildschirme lässt sich heute erneut ein Bogen spannen, der nach Licht als Transmitter zwischen Blick, Bild und Bewusstsein fragt wie es Platon schon in seinem Höhlengleichnis angelegt hat.

Von Licht und Schatten

Über die Jahrtausende bis heute ist die Auseinandersetzung mit Schattenbildern für Künstler_innen von formaler wie von konzeptioneller Bedeutung und in Zeichnungen, Scherenschnitten, Schattenspielen und Schwarzweiß-Filmen umgesetzt. Beispiele der Gegenwart sind u.a. die Serie der „Théâtre d’ombres“, die Christian Boltanski von 1984 bis 1997 entwickelte, die Serie „Urban Shadows“ des Straßenkünstlers Zevs, die er seit Ende der 1990er Jahre in verschiedenen Metropolen anlegt, oder die Installation „Refusal of Time“, die William Kentridge zur Documenta 2012 realisierte.

Von Licht und Transparenz

Aber nicht nur das Schwarz des Schattens, sondern auch das Lichtspiel wie es sich in Verbindung mit lichtdurchlässigen Materialien zeigen, führte schon von 9.000 Jahren zu ersten Artefakten. Der Begriff „Glas“ leitet sich aus dem Germanischen ab und verweist auf das Glänzen und Schimmern wie es Glas im Spiel mit Licht zeigt. Seit dem 5. Jahrhundert gibt es Belege für Transparentbilder, insbesondere für Glasmalerei. In sakralen Zusammenhängen wurde das Zusammenspiel von Tageslicht und Transparenz zur Symbolisierung mythischer und sakraler Inhalte eingesetzt. Bedeutende Werke der Kunst und der Architektur entstanden vom Mittelalter an über die Renaissance, den Jugendstil, die Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Ihnen gemeinsam sind die hohe Differenzierung in den Kontrasten, die Farbleuchtkraft und die Veränderlichkeit der Farbe. In der Gegenwart sind es Maler wie Markus Lüpertz, Gerhard Richter oder Neo Rauch, die sich mit transparenten Malgründen, darunter auch Kirchenfenster, auseinandersetzen.
Tageslichtinstallationen wie „Your Rainbow Panorama“ von Olafur Eliasson auf dem Kunstmuseum in Aarhus (seit 2011) oder „Excentrique(s) Travail In Situ“ von Daniel Buren im „Palais de Tokio“ in Paris (2012) zeigen wie aktuell die künstlerische Auseinandersetzung ist.

Ende des 18. Jahrhunderts waren Diaphane populär. Bildträger waren geöltes Papier, Pergamentpapier, geschabtes Leder, dünne Leinwände oder Seide, die bedruckt, koloriert oder mit Wasserfarben, verdünnten Ölfarben u.ä. bearbeitet wurden. Als Lichtquellen dienten Tageslicht oder Kerzen, Fackeln, Öl-, Petroleum- und Gaslampen. Die Wirkung des nicht gemalten, sondern des gestalteten Lichts integrierte Zeitlichkeit und Veränderlichkeit in das Bildgeschehen. Eines der bekannten Bespiele sind die Lichtbilder von Caspar David Friedrich. „Diese Malereien, so nur bei Lampenlicht gesehen werden können, bedürfen einiger Vorrichtungen, wofür ich hier jedoch schon Sorge tragen würde, dass [sie], an Ort und Stelle angelangt, mit leichter Mühe aufgestellt werden könnten….“. Caspar David Friedrich war der erste, der die Schusterkugel als Gestirnprojektion benutze und sie mit transparenten Bildwerken kombinierte.

Über die letzten Jahrhunderte hat sich die Art der Werke, die mit Hinterleuchtung von Bildwerken arbeiten, ausdifferenziert. Heute sind es oft Fotografien wie bei Magdalena Jetelová oder Mischa Kuball, die Fotografien von Licht in hinterleuchteten Tableaus zeigen. Oder die Arbeiten von Jeff Walls, der seit Ende der 1970er Jahre Bildwerke realisiert, die in ihrer Komposition an klassische Malerei und in ihrer leuchtenden Erscheinung an das Kino erinnern.

Von Licht und Flüchtigkeit

Neu in der künstlerischen Praxis der Gegenwart ist das Zusammenspiel von Licht und ephemeren Materialien wie Staub, Nebel oder Wasser, denen Räumlichkeit und Zeitlichkeit ebenso eingeschrieben sind wie dem Licht selbst. Zu den signifikanten Beispielen gehören die Arbeiten von Anthony McCall, der den Weg des Lichts und seine plastischen Qualitäten mit Filmprojektoren inszeniert oder die Arbeiten von Diana Ramaekers, die mit LED-basierten Schweinwerfern in Nebelräumen choreografiert, oder die Werke von Edwin van der Heide, der Hochleistungslaser für seine audiovisuellen Environments nutzt. Wurde in der Vergangenheit das Bild charakterisiert durch räumliche Begrenzung, mediale Fixierung und zeitliche Permanenz, erscheint dies in der Gegenwart als unzulänglich, um auch die ästhetische Produktion zu beschreiben, denen Nicht-Lokalität, Zeitfluss, Intermedialität und Vergänglichkeit inhärent sind. „Von der Ästhetik der Erscheinung eines „stabilen und dauerhaften“ Bildes, das gerade durch seine Statik gegenwärtig ist, zu einer Ästhetik des Verschwindens eines „instabilen Bildes“, das nur in seiner (kinematischen und kinematografischen) Flüchtigkeit gegenwärtig ist, haben wir einer regelrechten Zertrümmerung der Formen der Darstellung beigewohnt. Auf Formen und Volumen, die dazu bestimmt waren, im Rahmen der Lebenszeit ihrer Trägermaterialien fortzudauern, folgten Bilder, deren einzige Dauer die des Nachbildes auf der Netzhaut ist…“ , beschreibt Paul Virilio die Veränderungen in der Bildbetrachtung.

Von Bild und Blick

Die Koppelung von Bild und Blick gehört zu den wesentlichen Aspekten von lichtbasierten Arbeiten. Viele der Künstler_innen, die mit physikalischem Licht arbeiten, beziehen sich auf die Wahrnehmung als einen ko-kreativen und ko-konstituierenden Prozess eines jeden Kunstwerkes. Dies hat die Art der Arbeiten, ihre Materialität und ihre visuelle Sprache verändert. Dabei ist der Status des/der Betrachtenden ist ein aktiver. James Turrell fasst es so zusammen: “I like to use light as a material, but my medium is actually perception. I want you to sense yourself sensing – to see yourself seeing.” Subjektivität als a priori von Wahrnehmung wird betont und das Modell eines objektiven, statischen und beschreibbaren Werkes löst sich auf. Dies führt auch zu einer wachsenden Zahl und Vielfalt an Installationen und Interventionen, viele als re- oder interaktive angelegt sind, häufig auch mit partizipativen Konzepten.

Vom Funken zum Pixel

Physikalisches Licht als Material und Medium der Kunst hat in den letzten Jahrzehnten an Virulenz gewonnen. Von den ersten Höhlenzeichnungen über Glas- und Transparenzarbeiten, Fotografie und Film als lichtzeichnerische Medien, Installation und Performance als Licht-, Raum- und Zeit-basierte Formate bis zu den digitalen, selbstleuchtenden Anzeigemedien des 21. Jahrhunderts ist in der Bildkultur der Gegenwart Licht der allgegenwärtige Counterpart von Medialität. Entlang den Schnittstellen von analoger und digitaler Welt verändern und erneuern sich künstlerische Formate und mit ihnen der Kanon der Bildenden Kunst.